Menü

Der Schäfflertanz Eichstätt – eine Beschreibung

Ihr Bürger der Stadt!
Die Sieben sind um!
Schon gellen die Pfeifen
In zierlichen Reifen
Die Gläser geschwungen
Den Achter geschlungen
Wohlauf nun zum Tanz
Mit dem buchsenen Kranz

So lautet der Prolog, mit dem der Reifenschwinger der Eichstätter Schäffler den ersten Tanz jeder Saison eröffnet. Sie beginnt alle sieben Jahre am 6. Januar mit einem Tanz zu Ehren des Bischofs. Heuer aber werden die Eichstätter Schäffler erstmals seit Neugründung im Jahre 1966 den Sieben-Jahres-Rhythmus coronabedingt unterbrechen müssen. In dieser Zeit der Einschränkungen heißt es nun zum Wohle aller Verzicht zu üben, um zu einem späteren Zeitpunkt tanzend und spielend auf den Straßen der Stadt unbeschwerte Freude zu schenken. Gerade weil die Eichstätter Bürger auf unseren Tanz verzichten müssen, möchte ich die mit den Tanzfiguren verbundene Botschaft kurz erläutern.

Unser Tanz will der barocken Lebensfreude der Stadt Eichstätt und ihrer Bürger Ausdruck verleihen, und das in vielen geordneten Formen, in denen wir gegenseitig auf unsere Schritte achten, von denen keiner ausfallen oder aus der Reihe tanzen sollte, und der so auch Platz für die unschuldigen Späße des Kasperls schafft. In den Tanzfiguren erkennen wir ein Abbild unseres Lebens: Der Vortänzer gibt den Takt an. Er bestimmt die Abfolge der Figuren. Nur durch gegenseitige Rücksichtnahme und Achtung kann ein Gemeinwesen wachsen und gedeihen. Das Senken der grünen Bögen zum Gruß soll unsere Hochachtung gegenüber dem Stifter der jeweiligen Aufführung und deren Anwesenden ausdrücken. Der große Tanz im Lebenskreis beginnt. Die einzelnen Figuren symbolisieren das Leben mit seiner Freude und seinem Leid, mit dem Mut zum Neuanfang, mit Hoffnung und Dank.

Dem Gruß folgt zuerst der Laubentanz. Er versinnbildlicht paradiesische Harmonie der mit Gott und untereinander versöhnten Menschheit unter dem bergenden Dach der immergrünen Kränze – hoffnungsvoller Rückzugsort und Ruhepunkt bis zu dem Tag, an dem der Friede gestört wird:

Im Schlangentanz schleicht der Widersacher durch die aufgelösten Laubengänge: die Flucht der Getriebenen beginnt. Die Schlange steht allegorisch für alles, was die göttliche und menschliche Ordnung aus dem Gleichgewicht bringt. Im Jahr 1517, als in München erstmals die Schäffler getanzt haben sollen, sei es die Überwindung der Pest gewesen, in unseren Tagen ist es mit Corona eine ähnliche Krankheit aber auch Misserfolg, Krieg, Streit und Missgunst begleiten uns stets, schlingen sich um Menschen und versuchen sie zu würgen. Die Tänzer lassen sich nicht beirren und tanzen weiter: Wir dürfen mit dem eigenen Scheitern und dem Scheitern anderer barmherzig umgehen, denn es eröffnen sich immer wieder neue Wege: 

Nach Niedergeschlagenheit durch Pest, Krankheit und Tod fordern die Schäffler nun im Tanz der vier kleinen Kreise auf, das Leben mit neuem Mut in die Hand zu nehmen. Das Räderwerk des Lebens muss auch nach Niederlagen und Rückschlägen wieder in einander laufen, sorgt es doch letztlich für Wohlstand und Zufriedenheit. Wir erkennen darin die Botschaft: Gott richtet auf nach jedem Scheitern. Es liegt an uns, immer wieder neu zu beginnen. Die Fassschläger symbolisieren diesen Aufbruch durch Arbeit, die nach überstandener Pest wieder zum Alltag der Menschen gehören soll. Dieses Streben nach Wohlstand ist allerdings keine egozentrische Einbahnstraße: Die vier kleinen Kreise lösen sich auf in den großen Kreistanz aller Teilnehmer. Das Streben des Einzelnen soll von Verantwortung gegenüber der Gemeinschaft getragen sein, nur dann mündet alles in ein schöpferisches und verantwortungsvolles Ganzes. Beim Changieren oder Kontratanz bewegen sich die Schäffler grüßend auf einander zu und ermahnen die Umstehenden: der schwarze Tod ist besiegt, begegnet einander und sorgt Euch um einander, geht auf einander zu und seid fröhlich!

 

Alle Figuren beginnen und enden im Kreis, dem Symbol für das Vollkommene, das Ewige, für das es keinen Anfang und kein Ende gibt: Hoffnung, Glück, Freundschaft, Liebe. Schließlich strebt der Tanz dem Höhepunkt zu, der Krone, die von den sechzehn Tänzern geformt wird. Die Mitte der Krone bildet auf dem Kronenbaum eine goldene Kugel, die von einem Kreuz bekrönt wird. Stat crux – dum volvitur orbis! lautet die Botschaft: Die Welt mag sich drehen – das Kreuz bleibt bestehen! Es gibt eine immer gültige Wahrheit, einen Dreh- und Angelpunkt in allem Streben der Menschen. Christen nennen diese Mitte Jesus. Der Kronenbaum wird erhoben und auf das Fass gestellt: in der Arbeit soll sich der Mensch selbstverwirklichen, dabei aber nicht vergessen, dass das Göttliche über allem steht. Alles soll diesem Ziel zustreben: dem Wohl aller und der größeren Ehre Gottes. An diese Wahrheit erinnert auch der Reifenschwinger, wenn er mit dem anschließenden Reim auf den Großmut der Stifter den Tanz mit dem Ruf beendet: …zur größeren Ehre Gottes und dass er dem Deife recht stinkt! Dieser Verpflichtung stellen sich die Eichstätter Schäffler mit einer in Bayern wohl einmaligen Vereinssatzung, in der festgeschrieben ist, dass der Reinerlös der Tanzsaison einem wohltätigen, caritativen Zweck an die Bürger der Stadt Eichstätt zu stiften ist. Dieses ehrenamtliche und unentgeltliche Engagement der Eichstätter Schäffler steht gewissermaßen repräsentativ für jede Bürgerin und jeden Bürger, die sich für das Gemeinwohl in dieser Stadt einsetzen. Die Eichstätter Schäffler ermuntern mit ihrem Tanz aber auch alle Bürgerinnen und Bürger zum Engagement für Eichstätt, zur Rücksichtnahme und gegenseitiger Achtung und zu gegenseitiger Hilfe, kurzum: den zu den Grundlagen einer weltoffenen Kultur. In diesem Sinne wird der Reifenschwinger zu gegebener Zeit den Eichstättern zurufen:

Die Sieben sind um!

Ihr Schäfflergesellen

Heraus auf die hellen

liebfreundlichen Gassen

Euch sehen zu lassen

Zu lustigem Fest

Wie einst nach der Pest!

 

Gedanken & Ausführungen zum Tanz von Karl Daum (Vorsitzender „Schäfflertanz Eichstätt e. V.“ & Erster Reifenschwinger)